Gig Economy – Bereicherung oder moderne Sklaverei?

Der Begriff „Gig Economy“ beschreibt eine moderne Arbeitsform, in der Selbständige, freiberuflich tätige Menschen bzw. geringfügig Beschäftigte eine Arbeit auf Zuruf verrichten. Uber-Fahrer, Foodora-Auslieferer, Airbnb-Betreiber und Co. sind dabei an einen Online-Dienst gebunden, der als Mittler zu den letztendlichen Kunden und Kundinnen auftritt. Ein ordentliches Arbeitsverhältnis gibt es oft nicht, genauso wenig wie Aufstiegschancen. Dafür ist der Konkurrenzdruck hoch. Während der Begriff Gig, zu Deutsch „Auftritt“, aus der Musik-Branche stammt, hat diese Arbeit „digitaler Tagelöhner“ (FAZ) nichts mit künstlerischer Freiheit zu tun.

Gig Economy – das heißt, dass Selbstständige oder geringfügig Beschäftigte mit eigenen Mitteln die Aufträge von Mittlern erfüllen. Essen ausliefern, Personen befördern, Akkus aufladen, Texte schreiben; es gibt alles auf Zuruf.

Gig Economy – das heißt, dass Selbstständige oder geringfügig Beschäftigte mit eigenen Mitteln die Aufträge von Mittlern erfüllen. Essen ausliefern, Personen befördern, Akkus aufladen, Texte schreiben; es gibt alles auf Zuruf.

Was ist die Gig Economy?

Wie eingangs beschrieben handelt es sich bei der Gig Economy („Auftrittswirtschaft“) um einen Teil des Arbeitsmarkts, bei dem einzelne Aufträge (Essen ausliefern, Leute befördern, E-Scooter-Akkus laden, etc.) kurzfristig an dafür registrierte Einzelpersonen vergeben werden. Als Mittler zwischen Kunden und Leistungserbringern dient eine Online-Plattform respektive deren App. 

Auch aus dem Home Office heraus kann man derart arbeiten, bei Auftragsannahme über Plattformen für Designer, Texter, Übersetzer und so weiter. Neben den digitalen Aufgaben gibt es mit Plattformen für Handwerker oder Reinigungskräfte auch Auftragsvergaben und Anfragen für bodenständige Arbeiten. Und klar, auch im Blogger-Bereich gibt es Arbeit auf Zuruf, obwohl Texter als Selbstständige bessere Voraussetzungen haben als beispielsweise Deliveroo-Fahrer.

Wer ist die Gig Economy?

Doch wer sind die Menschen, die sich aufs eigene Rad schwingen, um Essen auszuliefern? Wer fährt im eigenen Auto fremde Menschen von A nach B? Und wer sammelt nachts E-Scooter ein, um sie für 4 Euro das Stück im eigenen Zuhause aufzuladen und dann wieder aufzustellen? Laut einer McKinsey-Studie scheinbar 20 bis 30 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung in den USA und einigen EU-Staaten wie Deutschland. Studenten fallen einem als erstes ein; aber auch Menschen, die sich neben dem regulären Job etwas dazu verdienen wollen. 

Der zugrunde liegenden Umfrage zufolge sollen 70 Prozent der in der Gig Economy arbeitenden Menschen dies freiwillig und ohne Not tun. Das heißt aber, dass 30 Prozent einen auf digitalem Zuruf begründeten Tagelöhner-Job machen, weil sie sonst nicht über die Runden kommen. Wer das Glück hat, ein freies Zimmer oder sogar eine ganze Wohnung über Airbnb an für Touristen attraktiver Stelle vermieten zu können, kann seine Preise selbst machen. Wer Essen ausliefert oder E-Scooter auflädt, muss sich mit dem Entlohnungsmodell der Plattform abfinden.

Chancen, Risiken und Kritik

Befürworter der Gig Economy sehen zahlreiche Chancen; zum einen für Startups, die dieses Beschäftigungsmodell für ihre Dienstleister wählen, und zum anderen für Menschen, die es schwer haben, in den Arbeitsmarkt hinein zu kommen. Auf der einen Seite können Kosten gespart werden, auf der anderen Seite wird Geld verdient – wenn auch vergleichsweise wenig. In einigen Bereichen ergeben sich zudem kaum finanzielle oder gesundheitliche Risiken, da etwa Texter, Designer, Airbnb-Vermieter und dergleichen ihre Preise selbst gestalten können und von zuhause arbeiten können.

Die Risiken sieht man aber schnell, wenn man sich andere Bereiche wie die Essenslieferung oder die Personenbeförderung anschaut. Und dafür muss man gar kein Kritiker der Gig Economy sein. In diesen und anderen Bereichen wie Handwerk oder Gebäudereinigung benötigen die Auftragnehmer/innen eine eigene Infrastruktur (Fahrzeug, Smartphone, mobiles Internet, etc.) sowie eine eigene Absicherung in Form von Versicherung für sich, ihr Fahrzeug, Haftpflicht und so weiter. Ob dies mit den paar Euro finanzierbar ist, die man bei der Tagelöhner-Arbeit bekommt? 

Und genau aus solchen und weiteren Punkten ergibt sich die ernst zu nehmende Kritik an einem Arbeitsmodell, das mit ein paar Anpassungen vielleicht sogar positiv gesehen werden kann. Denn wer unzureichend abgesichert und schlecht bezahlt mit der Konkurrenz im Nacken unterwegs ist, befindet sich im Dauerstress. Im „Arbeitsvertrag“ bzw. den zugestimmten Nutzungsbedingungen der Plattform fehlen auch Mitspracheregelungen; Gewerkschaften oder einen Betriebsrat gibt es nicht. Aufstiegschancen sucht man ebenso vergebens, eine Lohnerhöhung ist Glückssache.

Zahlen und Fakten

Falls euch das Thema interessiert, dann hackt mal „Gig Economy Statistics“ oder „Gig Economy Study“ in die Suchmaschine eurer Wahl. Alle so zu findenden Inhalte kann und will ich hier gar nicht wiedergeben. Mit Berufung auf verschiedene Umfragen und Untersuchungen heißt es aber in einem aktuellen Artikel von iOffice, dass 36 Prozent der US-Arbeiter/innen in der Gig Economy tätig seien. Hätten 63 Prozent die Chance auf einen Wechsel von ihrem jetzigen Job zur Beschäftigung als flexibler Auftragnehmer, sie würden sie wahrnehmen. Dementgegen gaben aber 55 Prozent der so arbeitenden an, dass sie auch noch einen Primärjob haben.

Es gibt also verschiedene Auffassungen, Aussichten und Chancen – je nachdem, wie sehr man sich mit den Möglichkeiten beschäftigt und in welchem Bereich man tätig ist / wäre. Dass immer mehr Menschen diese Art der Beschäftigung annehmen (aus welchen Beweggründen auch immer) zeigt Forbes in einem Beitrag. Die entsprechenden Plattformen seien zuletzt um 30 Prozent gewachsen. Dabei sind auch Branchen wie Finanzen, Agrar, Bildung und Bau vertreten.

Wie lässt sich das System reparieren?

Einige können sicherlich ihre langersehnte Selbstständigkeit mithilfe der Gig Economy auf den Weg bringen und sich eine Expertise sichern, die sie dann auf dem Arbeitsmarkt feilbieten können. Andere, oder vielleicht sogar die meisten, bleiben aber auf dem gleichen Level und finden eventuell außerhalb der Beschäftigungsmöglichkeiten über die Online-Plattform keinen Job. 

Je mehr man sich mit eigenen Mitteln in die Gig Economy einflechtet, desto schwerer kann es zudem sein, da wieder rauszukommen. Was braucht es also? Laut jenen, die das System an sich befürworten, aber die aktuelle Form als verbesserungswürdig sehen, folgendes: faire Bezahlung, Mitspracherecht und Absicherungen.

Auf dem YouTube-Kanal „BBC Newsnight“ findet ihr dazu passend die Reportage „Ho to fix the gig economy“, die Probleme aufzeigt und Lösungen untersucht. Hier das Video:

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Quellen, Webseiten und Videos

Zu diesem Thema könnte man noch mindestens dreimal so viel schreiben. Aber anstatt den Rahmen zu sprengen habe ich euch noch ein paar Quellen herausgesucht. Interessiert ihr euch also für das Thema, dann klickt euch mal durch diese Beiträge, Artikel und Videos:

  • Deutsche Definition und Anschauung aus verschiedenen Perspektiven, Wikipedia-Artikel (schaut auch in die Einzelnachweise)
  • Deutsche Reportage „Schnelles Geld mit E-Scootern? Der harte Job der Juicer“, YouTube, 6 Minuten 11 Sekunden
  • Englische Kurzerklärung der Gig Economy, YouTube, 1 Minute 15 Sekunden
  • Englischer Vortrag von Prof. Paul Oyer, YouTube, 57 Minuten
  • Englischer Selbstversuch-Artikel von Andy Newman, New York Times

Eure Erfahrungen und Meinung

Zusammenfassend kann man sagen, dass Gig Economy der Begriff für eine Art Hardcore-Outsourcing ist. Aufgaben werden nicht an externe Unternehmen, sondern an individuelle Auftragnehmer/innen verteilt. Was haltet ihr davon? Habt ihr Erfahrungen damit oder seid sogar selber Teil dieses Arbeitsmarktbereichs? Lasst gern einen Kommentar da!

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1 Kommentar

  1. tkanne sagt:

    Gestern auch woanders gelesen. Guter Artikel, mit war bisher nicht klar wie die hippen Roller in Paris zum Beispiel geladen werden. Schon recht krass.

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