Tödlicher Unfall bringt Onewheel Hersteller Future Motion in Bedrängnis

Tödlicher Onewheel Unfall – Schuld des Herstellers?

Vor einigen Monaten habe ich mir ein Onewheel Pint gekauft – eine Art elektrisches Skateboard, das jedoch nicht mit vier Rollen, sondern mit einem einzigen, großen Reifen in der Mitte des Boards ausgestattet ist. Im Rad selbst ist der Motor untergebracht, während die Elektronik und Batterien in den Trittflächen links und rechts vom Rad versteckt sind.

Der Pint ist das kleine Onewheel-Modell. Trotzdem kann man damit gut 14 km/h fahren und natürlich auch unangenehm stürzen, wenn man nicht aufpasst – oder blindes Vertrauen in die Technik hat (Foto: Sir Apfelot).

Wie funktioniert ein Onewheel?

Wenn man jemanden auf einem Onewheel fahren sieht, hat es irgendwie etwas von Zurück in die Zukunft. Die Person auf dem Brett scheint mit Leichtigkeit das Gleichgewicht auf dem einen Rad zu halten.

In Wirklichkeit erledigt das Onewheel die meiste Balancier-Arbeit, denn die Elektronik misst mit einem Gyroskop die Lage des Boards und gleicht durch schnelle Ansteuerung des Brushless-Motors jede Neigung nach vorne oder hinten sofort aus. Die Person auf dem Brett muss nur noch aufpassen, dass das Board nicht seitlich wegkippt, was aber durch den breiten Reifen relativ leicht zu erlernen ist.

Eine typische Situation für einen Nosedive: Der Fahrer lehnt sich stark nach vorne, um zu beschleunigen, aber gleichzeitig fährt er bergauf. Das überlastet den Motor und die Nase des Boards taucht ab. In diesem Fall konnte der Fahrer das Board noch fangen, indem er sich schnell zurück gelehnt hat. Quelle: YouTube.

Tragischer Unfall durch Abschaltung und Nosedive

Der Begriff „Nosedive“ (zu Deutsch vielleicht „Nasentauchen“) beschreibt das plötzliche Abtauchen des vorderen Boardteils, der dann vom Untergrund gebremst wird. Das Onewheel bleibt abrupt stehen, aber durch die Massenträgheit bewegt sich der Fahrer weiter nach vorne und wird – in der Regel sehr überraschend – vom Board katapultiert.

„A Onewheel nosedive or shut-off is not a small event as it might be with any other type of vehicle. The front of the board violently slams into the ground and then the rider is inevitably thrown forward.“ (Zitat aus der Pressemeldung)

Genau dies ist Anfang 2020 einem Mann in Texas passiert, der mit seinem Onewheel in einem Park unterwegs war. Sein Onewheel schaltete sich während der Fahrt plötzlich komplett ab und er fiel vorüber auf den Parkweg. Die Folge waren so schwere Kopfverletzungen, dass er in der Klinik verstarb.

Die Anwaltskanzlei BCH hat daraufhin eine Klage gegen Future Motion Inc. (den Hersteller des Onewheel) eingereicht und beschuldigt das Unternehmen der folgenden Punkte:

  • Future Motion hat versagt, seiner Pflicht nachzukommen, sichere Geräte herzustellen
  • Future Motion hat versagt, Kunden über die Risiken von schweren Verletzungen und Tod aufzuklären, die gegeben sind, wenn man das Gerät benutzt, wie es vorgesehen ist
  • Future Motion hat Kunden glauben lassen, dass ein Onewheel sicher für den normalen Gebrauch sei

Die Kanzlei möchte nun eine Sammelklage gegen Future Motion anstreben und ruft andere US-Bürger auf, sich zu melden, wenn sie Stürze und Verletzungen durch ein Onewheel davon getragen haben.

Auf das Risiko von Tod und schweren Verletzungen wird schon auf der Verpackung hingewiesen – mit einem Aufkleber, den man entfernen muss, bevor man das Onewheel nutzen kann (Foto: Sir Apfelot).

Auf das Risiko von Tod und schweren Verletzungen wird schon auf der Verpackung hingewiesen – mit einem Aufkleber, den man entfernen muss, bevor man das Onewheel nutzen kann (Foto: Sir Apfelot).

Tod durch Onewheel – tragischer Unfall ohne Helm?

Der Tod des Mannes ist ein trauriger Unfall, der nicht hätte passieren dürfen. Ich habe großes Mitgefühl für die Hinterbliebenen und wünschte, es wäre nicht passiert.

Ich muss spekulieren, wenn ich sage, dass der Mann vermutlich keinen Helm und keine andere Schutzausrüstung getragen hat. Anders ist mir jedoch nicht erklärbar, wie es zu solch schweren Kopfverletzungen kommen kann.

Ich fahre seit einigen Monaten Onewheel und seit gut zwei Jahren elektrische Einräder und mir war sofort beim Besteigen der Geräte klar, dass hier ein Kopfschutz angebracht ist – genau wie beim Radfahren auch. Dass es immer wieder Leute gibt, die hier anders denken und ohne Helm fahren, kann ich akzeptieren, aber in der Regel gehe ich davon aus, dass sie wissen, welche Risiken sie damit tragen.

"Das Leben ist dabei genialer zu werden." – so wird man beim Auspacken des Onewheels begrüßt. Und ich muss sagen: Neben den Risiken bietet das elektrische Board jeden Menge Spaß (Foto: Sir Apfelot).

"Das Leben ist dabei genialer zu werden." – so wird man beim Auspacken des Onewheels begrüßt. Und ich muss sagen: Neben den Risiken bietet das elektrische Board jede Menge Spaß (Foto: Sir Apfelot).

Wie kam es zum Ausfall des Onewheel?

Beim Onewheel handelt es sich um ein selbst-balancierendes Gerät, mit dem man sich (im Fall des Onewheel XR) mit bis zu 30 km/h fortbewegen kann. Betrieben wird es durch Akkus (LiFePo4 Batterien), die eine große, aber begrenzte Menge an Energie bereitstellen können.

Es gibt einige Szenarien, bei denen es zu einer kompletten Abschaltung des Onewheel kommen kann, was selbstverständlich auch die Balancierung deaktiviert. Die Folge ist meist der oben genannte Nosedive – es sei denn, man ist im chinesischen Staatszirkus angestellt und kann das Board komplett selbst ausbalancieren und in Fahrt halten.

Die folgenden Umstände können zum Nosedive führen:

  • Zu starke Beschleunigung: Um zu beschleunigen, lehnt man sich mit dem Körper nach vorne. Das Onewheel muss dieses „Übergewicht“ durch seinen Motor ausgleichen. Wenn schwere Personen sich sehr stark nach vorne lehnen und extrem beschleunigen möchten, können die Akkus an Ihre Leistungsgrenze kommen und die Elektronik schaltet ab.
  • Zu hohe Geschwindigkeit: In der Regel weist einen das Board bei ca. 30 km/h darauf hin, dass man die Grenze erreicht hat, indem es das Board nach hinten neigt und man dadurch automatisch Geschwindigkeit verliert. Fährt man jedoch bergauf und/oder hat starken Gegenwind, kann es trotz niedriger Geschwindigkeit dazu kommen, dass die Akkus ihre Leistungsgrenze erreichen und das Board abschaltet.
  • Bergab fahren mit vollen Akkus: Es klingt widersprüchlich, aber in der Tat sollte man beim Herunterfahren eines Berges nicht mit vollständig aufgeladenen Akkus starten. Der Grund dafür ist, dass das Board durch Rekuperation bremst. Das heißt, es wandelt die Bewegungsenergie in elektrische Energie, lädt damit die Akkus auf und bremst auf diese Weise das Onewheel beim Abwärtsfahren. Sind die Akkus komplett gefüllt, kann die Energie nicht in die Akkus geleitet werden und das Board schaltet sich ab.
  • Grundsätzliche Überlastung bei niedrigem Akkustand: Wenn der Akkustand unter 20 bis 30% gefallen ist, verliert der Akku die Möglichkeit, hohe Leistungsspitzen liefern zu können. Aus dem Grund steigt mit niedriger werdenden Akkustand das Risiko, dass die Elektronik das Board abschaltet, wenn die Batterien in Extremsituationen an ihre Leistungsgrenze kommen.

Unterm Strich muss man sich immer vor Augen halten, dass ein Onewheel auch nur in einem begrenzten Rahmen arbeiten kann. Es fühlt sich vielleicht manchmal an, wie Magie, aber praktisch ist es Physik und sehr schnell reagierende Elektronik, die hier ihren Dienst tut. Wenn die technischen Möglichkeiten des Onewheels an ihre Grenzen kommen, schlägt die Physik zu und bringt einen auf den Boden der Realität zurück – und die kommt ganz ohne Feenstaub oder Einhornohrenschmalz daher, sondern mit Massenträgheit, Schwerkraft und viel Aua.

Und letztendlich hat man es hier mit einem elektronischen Gerät zu tun, das – wie alle anderen elektronischen Produkte auch – einen Fehler haben kann. Nur mit dem Nebeneffekt, dass ein technischer Fehler beim Onewheel schmerzhafter ist, als der Absturz meines Macs.

Schließt man einen solchen Fehler und die Chance der Überlastung des Boards in die Möglichkeiten ein, die passieren können, gibt es nur zwei Möglichkeiten: Man fährt das Ding nicht mehr oder beschließt, sich mit entsprechender Schutzausrüstung für einen Sturz zu wappnen.

Übrigens weist auch der Onewheel-Kanal von Future Motion mit einem Video zur Schutzausrüstung auf die Wichtigkeit dieser Schutzausrüstung hin – es ist also nicht so, als würde der Hersteller empfehlen, mit Badeschlappen und Schirmmütze einen Ausflug zu machen.

Future Motion weist selbst in einem Video auf die passende Schutzausrüstung und das Tragen eines Helmes hin (Screenshot auf dem Video).

Onewheel Nutzer weisen auf plötzliche Abschaltung hin

Man sieht schon: Es gib einige Punkte, die beim Fahren des Onewheel zum Sturz führen können und interessanterweise gibt es einen Forumbeitrag, in dem ein Nutzer bereits im Januar 2019 eine ähnliche Situation, wie bei dem tödlichen Unfall hatte.

Er fuhr mit ca. 15 mp/h (ca. 24 km/h) über eine Radspur ohne Steigung, als das Board kurzzeitig beschleunigte und dann komplett ausfiel – ohne irgendeine Warnung des Boards.

Ein anderer Nutzer schrieb daraufhin, dass er zwar nach gut 1.200 Meilen noch kein einziges Problem hat, aber dass sich Future Motion doch besser um solche Meldungen kümmern sollte. Er malte den Fall aus, dass ein Board ausfällt, ein Kind sich den Kopf anschlägt, stirbt und die Familie Future Motion auf 50 Millionen USD verklagt.

What if a board fails, a kid hits his head and dies and the family sues OneWheel for $50 Miliion?

Ein Gedankenspiel, dem wir aktuell näher als nie zuvor sind…

„Fangs“-Rollen als Nosedive-Notlösung

Seine Lösung sind sogenannte „Fangs“, die man vorne am Board an der Unterseite anbringt. Wenn dann ein Nosedive passiert, kann das Board auf diesen Fangs weiter rollen und man bremst nicht abrupt. Dies funktioniert aber nur auf glatten Oberflächen und nicht im Offroad-Gelände. Aber es wäre schon eine Verbesserung, denn auch bei dem tödlichen Unfall in Texas, war der Mann auf glattem Untergrund unterwegs.

Es wäre zu wünschen, dass Future Motion über eine solche Lösung nachdenkt und eventuell direkt "ab Werk" etwas in der Art in das Onewheel integriert.

Die "Fangs" sind kleine Rollen, die an der vorderen Kante des Onewheel angebracht werden und bei einem Nosedive dafür sorgen, dass das Board auf glattem Untergrund weiterrollen kann (Quelle: Video von Jimmy Chang).

Die "Fangs" sind kleine Rollen, die an der vorderen Kante des Onewheel angebracht werden und bei einem Nosedive dafür sorgen, dass das Board auf glattem Untergrund weiter rollen kann (Quelle: Video von Jimmy Chang).

Frühzeitige Warnungen vor dem Ausfall

Aus meiner Sicht ist einer der Hauptgründe für die Unfälle, dass eine Notabschaltung des Boards in keiner Weise durch akustische Signale angekündigt wird. Während ich bei meinen elektrischen Einrädern Sprachnachrichten bekomme, wenn ich dabei bin, das Gerät zu überlasten, schweigt das Onewheel bis zum Ernstfall.

Wenn Future Motion es schaffen würde, hier frühzeitige Warnsignale einzurichten, wäre man als Fahrer gewarnt, dass man in einem kritischen Bereich fährt und könnte seinen Fahrstil entsprechend anpassen:

  • mit niedrigerer Geschwindigkeit fahren
  • weniger stark beschleunigen
  • mental vorbereitet sein auf eine Abschaltung und den folgenden Sturz

Mehr Hinweise auf kritische Situationen

Keine Frage: Mit meinem Onewheel Pint kamen sehr viele Sicherheitshinweise in Papierform und auch auf dem Pint selbst klebte ein Hinweis, der mich über das „Risiko von schweren Unfällen oder Tod“ aufklärte. Man kann den Punkt, dass sie einem das Risiko von Tod und Verletzungen verschweigen würden, schon mal von der Liste der Vorwürfe streichen.

Was ich Future Motion jedoch ankreiden möchte: Die kritischen Situationen, in denen sich das Onewheel wegen Überlastung abschalten kann, habe ich alle nur über YouTube-Videos erfahren, die andere engagierte Fahrer gemacht haben. Ein kleiner Hinweiszettel in der Packung mit der Liste der vier von mir oben genannten Ursachen für eine Abschaltung, wäre super-hilfreich gewesen.

Meine minimale Schutzausrüstung besteht aus Handgelenkschützern und Helm. Ich denke aber für schnellere Fahrten mit dem elektrischen Einrad schon über eine Motorradjacke mit Protectoren und über einen Integralhelm nach – mal schauen, wann ich mich dazu durchringe (Foto: Sir Apfelot).

Meine minimale Schutzausrüstung besteht aus Handgelenkschützern und Helm. Ich denke aber für schnellere Fahrten mit dem elektrischen Einrad schon über eine Motorradjacke mit Protektoren und über einen Integralhelm nach – mal schauen, wann ich mich dazu durchringe (Foto: Sir Apfelot).

Meine Lektionen für die Zukunft

Ich bin von Natur aus schon ein vorsichtiger Fahrer, aber in Zukunft werde ich noch mehr darauf achten, immer mit Helm und Schutzkleidung zu fahren und die Technik nicht bis zu ihren Grenzen ausreizen.

Bei elektrischen Einrädern fällt das deutlich schwerer, da sie mit viel stärkeren Motoren ausgestattet sind und deutlich mehr Leistungsreserven haben. Beim Onewheel Pint ist hier jedoch Vorsicht angesagt, da der kleinere Motor und die geringere Akkulaufzeit (im Vergleich zum Onewheel XR) automatisch dafür sorgen, dass man schneller an technischen Reserven kratzt.

Wie sind eure Erfahrungen mit elektrischen Verkehrsmitteln? Hattet ihr schon einen Sturz? Und seid ihr immer mit Schutzausrüstung unterwegs? Mich würde eure Meinung dazu sehr interessieren.


*** Nur kurze Zeit *** Dual-USB-C-Netzteil von Aukey hier als 50% Deal bei Amazon. Dazu den Code QDBY9LLW bei der Kasse eintragen.

1 Kommentar

  1. Lutz sagt:

    Typisch Amis, immer gleich verklagen die Herstellerfirmen. Jeder, der sich mit einem Gerät fortbewegt, sollte sich klar sein, dass es Gefahren gibt. Egal ob nun Einräder, Zweiräder oder andere Geräte.
    Tragisch ist so ein Unfall selbstverständlich, speziell für die Hinterbliebenden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Alle News 1x pro Woche

Du magst die Artikel auf Sir Apfelot?
Dann trage dich in meinen wöchentlichen Newsletter ein.